Bis zum nächsten Donnerstag sind vierzehn Jahreszahlen inklusive der wichtigen Ereignisse auswendig zu lernen. Außerdem steht noch ein Vokabeltest in Englisch an. Für die geübte Lernende und den geübten Lernenden sollten das keine Herausforderungen sein. Doch wer nie gelernt hat, wie man lernt, wird zu viel Zeit investieren oder gar nicht erst die Hefte aufschlagen. Gerade Prüfungen, in denen nur das reine Faktenwissen zählt (also das Auswendiggelernte), sind leicht verdiente Noten! Hierfür braucht niemand einen überdurchschnittlichen IQ, besonderes Talent oder Begabung, sondern nur die richtigen Strategien. Los geht’s:

Was ist eigentlich „Lernen“?

Je nach wissenschaftlicher Perspektive, also aus welchem fachlichen Blickwinkel man schaut, gibt es unterschiedliche Definitionen. Man kann Lernen als einen mechanischen Prozess beschreiben, der in unseren Gehirnen abläuft; oder zu etwas erkenntniserweiterndem aufbauschen, dass uns als Menschen formt und verändert; oder gar als Überlebensstrategie definieren.

Am besten gefällt mir der psychologische Lernbegriff:

In der Psychologie umfasst der Begriff des Lernens alle Prozesse, die einen Organismus so verändern, dass er beim nächsten Mal in einer vergleichbaren Situation anders – und sei es nur schneller – reagieren könnte. Damit ist der psychologische Lernbegriff deutlich weiter gefasst als der alltagssprachlich verwendete Begriff des Lernens. Der Mensch lernt nicht nur Schreiben, Lesen, Rechnen und erwirbt Wissen über naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten und geschichtliche Zusammenhänge. Auch Angst und Gelassenheit, Vorlieben und Abneigungen oder auch die Ausbildung von Gewohnheiten werden gelernt (Mielke 2001: 12).

Ich stell mir auch gerne ein Gehirn vor, in dem es Funken sprüht, Informationen durch Nervenbahnen fahren und Teile des Gehirns anschwellen, weil sie gerade lernen. Aber selbst, wenn man weiß, was Lernen ist (oder sich ganz eigene Vorstellungen dazu entwickelt), weiß man längst nicht, was genau man anstellen soll, um erfolgreich die Vokabeln, Jahresdaten oder gar längere Mitschriften zu behalten.

Ich weiß, dass ich nichts kann!

Wenn es erst einmal mit der Selbsterkenntnis geklappt hat, muss man sich Rat suchen! Die schlechtesten Ratschläge holt man sich meisten bei den Eltern („Dann musst du dich hinsetzen und mehr tun!“) oder anderen Erwachsen („Ich war damals so gut in der Schule!“). Diese wollen nur damit angeben, dass sie wohl klüger seien und/oder verleugnen, dass sie wohl gar keinen Plan haben. Vorsicht auch bei Lehrerinnen und Lehrer, die schon mit den Augen rollen, falls sich jemand auf die Frage meldet, ob sie oder er noch Hilfe benötigt.

Folgende Bücher empfehle ich für das Selbststudium

(1) Das große Buch der Lerntechniken. Effektives Lernen leicht gemacht. München: Compact Verlag. ISBN: 978-3-8174-9757-7. Preis: 14,99€

Dieses Buch richtet sich an Menschen, die für Schule, Studium und Beruf lernen müssen. Zunächst erfährt man durch einen kurzen Test, welcher Lerntyp man ist. Dadurch weiß man nicht nur, das man vielleicht eher der visuelle Typ ist, sondern auch wie man gut lernt und was man vermeiden sollte. Auf knapp 300 Seiten erfährt man auch, wie das ganze praktisch funktioniert (Lerntechniken!).

(2) Eberhardt Hofman & Monika Löhle: Erfolgreich Lernen. Effiziente Lern- und Arbeitsstrategien für Schule, Studium und Beruf. Göttingen: Hogrefe. ISBN: 978-3-8017-2470-2. Preis: 24,99€

In diesem Lehrwerk wird sehr verständlich mehr als die Grundlagen vorgestellt: Der letzte Teil richtet sein Augenmerk auf die konkrete Prüfungssituation und unterstützt mit Übungen zum Atmen und Entspannen. Doch trotz der sehr guten Verständlichkeit, richtet sich dieses Buch an disziplinierte Menschen. Wie Lernen funktioniert, wird der Leserschaft durch praktische Übungen beigebracht. Dieses Buch ist für alle, die noch viel Zeit bis zu den wichtigen Prüfungen haben oder sich selbst perfektionieren wollen.

(3) Manfred Mantel: Effizienter lernen. Wissen schneller aneignen – Speicherkapazität steigern – Kreativität verbessern. München: Wilhelm Heyne Verlag. ISBN: 3-453-04116-X. Buch wird nicht mehr aufgelegt (Augen offen halten!).

Dieses Buch ist älter als ich und wird leider nicht mehr aufgelegt. Doch dieses Relikt zeigt, welche ein Fuss um das Lernen gemacht wird (SCHNELLER, BESSER!!1!). Dabei sollten wir alle irgendwann mal beigebracht bekommen haben, wie das funktioniert. Auf knapp 200 Seiten wird kompakt erklärt und trainiert – ohne große und längere Ausflüge in die Lernpsychologie zu unternehmen. Auch hier gibt es einen Lerntypentest und sehr viele Lerntechniken. Mantel, ihr Buch zieht mich an.

Was jetzt?

All diejenigen, die noch da sind, bekommen nun ihr Bonbönchen. Ich habe ein paar persönliche Ratschläge aufgelistet, wie es mit dem Lernen klappt und meine Lieblings-Lerntechniken für euch zusammengestellt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es vielen schwer fällt (keine Zeit, zu wenig Kreativität), die einfachen Techniken auf ihre komplexen Fachrichtungen anzuwenden; aber ich weiß auch, dass es funktioniert! Versucht es also erst einmal und falls ihr nicht weiter wisst, dann schreibt mir euer „Problem“ in die Kommentare. Ich les mir das dann durch und geh schlafen.

Literatur:

Mielke, Rosemarie: Psychologie des Lernens. Eine Einführung. Stuttgart u. a.: Kohlhammer 2001.

 

Lerntechniken 101: Auswendiglernen

Am Anfang:

  1. Einen Termin für die Zeitplanung machen (für längere Lernphasen vor Klausuren oder Prüfungen): Setzt dich hin und verschaffe dir einen Überblick über den Stoff. Nun überlege, wann du das machen willst.
  • Hast du die ganze Woche Zeit für das Lernen, dann unterteile dir den Stoff in kleinere Themengebiete und erstelle dir einen Stundenplan. Lerne nicht den ganzen Tag an einem Thema. Plane Übungs- und Wiederholungsphasen mit ein.
  Montag Dienstag Mittwoch
9-10 Merkmale Kurzgeschichte Wiederholung Karteikarten    
10-11 Erzählperspektiven Erzähltempo II    
11-12 Erzähltempo Sportpause    
12-13 Mittag Mittag    
13-14 Metrum    
14-15 Lesen    
15-16 Karteikarten schreiben    
   

 

  • Hast du nur wenige Stunden am Tag Zeit, dann verteile den Stoff auf die freie Zeit. Auch hier sollte nicht drei Stunden für ein Thema gelernt werden, sondern für mehrere Themen in mehreren Stunden gelernt werden.
  1. Einen geeigneten Lernort finden: Dort muss lediglich ein Tisch und ein Stuhl stehen. Versuche an Orten zu lernen, die möglichst langweilig auf dich wirken (z. B. die Küche, die Schule, die Bibliothek). Dort gibt es keine Ablenkung.
  2. Pausen sind das A und O: Ich mache grundsätzlich nach jeder kleinen Lerneinheit eine ebenso kleine Pause. Gehe einfach vor die Tür oder blättere in der Zeitung herum. Außerdem solltest du mit dem Lernen aufhören, wenn du merkst, dass du nicht mehr kannst. Selbst an Tagen, an denen du nicht alles geschafft hast. Deine Hobbys musst du auch nicht vernachlässigen.
  3. Eigene Tests gestalten: Nach dem du dir einen Überblick geschaffen hast, kannst du einen Selbsttest erstellen. Stell dir vor, du währst die Lehrperson. Am Ende deiner Lernarbeit beantwortest du den Test ohne in deinen Aufzeichnungen nachzuschauen. Das gibt dir Sicherheit.
  4. Rede die anderen voll: Gerade bei längeren Lernphasen brauchst du Menschen, denen du erzählen kannst, was du gelernt hast. Rede einfach drauf los. Egal, ob sie im Thema stecken oder nicht. Vielleicht sind sie so genervt, dass sie dich freiwillig abfragen.
  5. Karteikarten schreiben: Karteikarten zu schreiben, kann unheimlich nervig sein. Versuche deine Karteikarten dann zu schreiben, wenn du keine Lust mehr hast, zu lernen. Schreib so viel auf die Kärtchen, wie du willst. Aber benutze für jeden neuen Unterpunkt eine neue Karte. Der Vorteil von Karteikarten ist vielfältig: Du kannst dich selbst abfragen, du kannst sie überallhin mitnehmen, du kannst…
  6. Kontakt abbrechen: Vor Prüfungen, bei denen es (für dich) um richtig viel geht, solltest du nicht so viel mit deinen Freunden reden, die für dieselbe Prüfung lernen müssen. Das trifft natürlich nur zu, wenn du leicht zu verunsichern bist. Willst du nicht komplett mia gehen, dann sag, dass du über alles reden willst, nur nicht über die Prüfung.
  7. Realistisch bleiben: Das gilt bei der Erstellung des Wochenplans und beim Anspruch an sich selbst. Frage dich, wie viel du bereit bist zu geben und inwiefern du fähig bist, dass umzusetzen. Das Lernen selbst ist eine Übungssache, d. h. umso gewohnter du es bist, jeden Tag von 9 bis 5 zu lernen, umso realistischer wird ein großes Erfolgsziel sein. Wenn du erst damit anfängst, dann staple zunächst tief (z. B. eine Note besser als in der letzten Klausur).
  8. Irgendwann muss Schluss sein: Du solltest spätestens zwei Tage vor der Prüfung (in der Literatur wird meist eine Woche) nicht mehr bereits gelernte Themen komplett aufarbeiten. Also nicht noch mal in das Buch schauen oder den Artikel lesen. Nein, dass verwirrt dich im schlimmsten Fall. In der Wissenschaft will niemand das letzte Wort haben, deshalb gibt es so viel dazu. Du wirst schon wissen, warum du das gelernt hast, was du gelernt hast. Ich habe mir die letzten Tage immer für den Feinschliff frei gehalten (mit mir selbst geredet, Karteikarten wiederholt, Prüfungsantworten aufgeschrieben – aber eben nur das, was ich gelernt hatte). Alles was nicht in meinen Lernskripten oder auf meinen Karteikarten stand, war irrelevant.
  9. Wenn du hinfällst, dann steh wieder auf: Was sagen abstrakte Zahlen schon darüber aus, wer du bist und was du kannst? Gar nichts. Zeig der schlechten Note den Mittelfinger, rotz sie an, verbrenn sie – und dann lach dein hässlichstes Lachen, leg deine Lieblingsmusik auf, tanz! und fang noch einmal von vorne an.

 

Lerntechniken:

(1) Die Mnemotechniken

Mnemotechnik ist nicht eine Technik, um längere Texte auswendig zu lernen, sondern ist individuell umsetzbar (deshalb der Plural). Diese Methode ist perfekt für das reine Auswendiglernen. Die einzelnen Schritte sollten sooft wiederholt werden, bist du es drauf hast.

  1. Loci-Technik

Stelle dir einen Weg vor, denn du gut kennst (z. B. der Weg zur Schule). Belege nun einzelne Orte, an denen du immer vorbeigehst, mit Begriffen. Wiederhole den Rundgang gedanklich (stell es dir richtig bildlich vor) und sprich es laut vor.

Ich stelle mir gerade mein Haus vor. „work“ Ich gehe durch das Tor und sehe das rosa Haus von Familie Rauch. „labour“ Ich gehe zur Bushaltestelle. „memory“ Der Bus kommt. „soft“

a.1 Loci-Technik x Loci-Technik

Braucht man mehrere Wege, weil man zeitnah mehrere Prüfungen schreibt, dann nimmt man die sich einfach. Ich stelle mir dazu mein Haus und die einzelnen Räume vor. Da gab es z. B. mein Zimmer und alle Möbelstücke hatten etwas mit Linguistik zu tun (Lyrik war im Garten). In meiner Kommode war ein ganzes Seminarthema abgespeichert. Ich habe mir dann vorgestellt, wie ich die erste Schublade aufziehe und meinen Schlüssel finde (das hieß bei mir Ort für Herkunft und mit Herkunft war xyz verbunden). Dann ziehe ich die zweite Schublade auf und finde… Und wenn ich nun doch etwas zur Lyrik brauchte, dann bin ich in den Garten „gegangen“.

  1. Geschichte erzählen

Hierzu entwickelst du eine kleine Geschichte, in der du involviert sein kannst, zu den zu lernenden Begriffen. Die Geschichte muss nicht besonders spannend sein. Stell dir zum Beispiel vor, du bist an einem fremden Ort und siehst dort diese Dinge.

Zähle die Merkmale eine mittelalterlichen Stadt auf (Stadtmauer, Graben, Markt, Siedlung, Bürger …).

Letzten Sonntag war ich mit meinem Freund in Mittelalterstadt. Wir parkten unser Auto im Zentrum und weil es so heiß war, gingen wir auf den Markt, um Eis zu kaufen. Ich weiß nicht, zu welcher Zunft Eisverkäufer gehören, aber sie müssen ziemlich schlecht organisiert sein. Die Uhr am Rathaus schlug 12, doch weit und breit war kein Eisverkäufer zu sehen…

b.1 Geschichten erweitern

Falls nicht nur einzelne Begriffe, sondern auch Funktionen und Merkmale gelernt werden sollen, dann halte dich länger an den einzelnen Begriffen auf.

… Wir parkten unser Auto im Zentrum (das Zentrum ist …, weil …).

Was passiert da und warum – Stell es dir vor! Das gleiche funktioniert auch mit Grafiken oder Diagrammen.

Die Spalte für X ist höher als Y, weil X männlich sein kann und männliche Wesen haben ja meist lange …

(2) Visualisieren

Noch mehr Vorstellungskraft ist bei dieser Technik gefordert: Zeichne dir kleine Symbole oder Figuren für Schlüsselwörter auf oder Wörter, die du immer wieder vergisst. Das funktioniert auch mit abstrakten Begriffen. Die Zeichnungen müssen auch nicht besonders anspruchsvoll sein, umso hässlicher (und damit lustiger) sie ist, umso besser ist es für dein Gedächtnis. Du wirst dich in der Klausur noch an den kleinen Mann mit den langen Armen von deiner Zeichnung erinnern, wenn du es brauchst.

Ich habe mir das immer an den Rand gemalt und die Begriffe unterstrichen.

(3) Merkverse

Ich plädiere dafür, dass sich mehr Merkverse ausgedacht werden.

Musik:

Fritzchen ass Citroneneis.

Es geht hurtig durch Fleiß.

Geschichte:

7 5 3 – Rom schlüpft aus dem Ei (Gründung Roms durch Romulus 753 v. Chr.)

3 3 3 – bei Issos Keilerei (Alexander der Große, Schlacht bei Issos

Geographie:

Iller, Lech, Isar, Inn fließen rechts zur Donau hin. Altmühl, Naab und Regen fließen links entgegen.

Brigach und Brege bringen die Donau zu Wege.

Englisch:

Wenn einzig das Ergebnis zählt, wird steht’s das Perfekt gewählt.

Bei yesterday, ago und last, wählst du das Englische past.

(4) Mind-Mapping zum Abschluss

Wenn ich mich auf Prüfungen länger und intensiver vorbereiten musste, hatte ich oft Angst alles vergessen zu haben (da oft keine Zeit für ganzheitliche Wiederholungsphasen war). Daher habe ich mir erst am Tag vor der Prüfung ein Mind-Map erstellt. Das standen noch mal die Schlagwörter drauf, die ich super konnte und eventuelle längere Erklärungen zu den Bereichen, in denen ich unsicher war. Das A4-Blatt habe ich mir dann bis zum Prüfungstermin in die Jackentasche gesteckt und bei kurz vor der Prüfung noch mal draufgeschaut.

 

 

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