Vertretungsstunde Deutsch: Vor mir saßen junge und gutaussehende Menschen. Klasse 9. Einige von ihnen würden die Schule demnächst verlassen, die anderen spätestens im nächsten Jahr. Sie waren aufgeschlossen und heiter – bis zu dem Moment, in dem sie einen Bericht schreiben sollten. Nachdem ich mir die Erarbeitungen durchgelesen hatte, wusste ich auch warum. Das war längst nicht mehr der Sprachwandel, den ich einst verteidigt hatte. Das war handwerkliche Inkompetenz.

Ganz ehrlich, am liebsten hätte ich in dem Moment etwas gesagt. Ich war empört und zornig. Ich hielt meinen Mund, schaute zu Johann Wolfgang Goethe hoch. Da auch ihm einst die Schreibung egal war, verzog er keine Miene. Ich glaube, bei Friedrich Schiller eine vergossene Träne gesehen zu haben. Abends dachte ich, die Klasse bräuchte einen Alphabetisierungskurs.

Das Letzte, was ich will, ist junge Menschen zu demotivieren. Aber ihr hättet doch den DUDEN zur Hand nehmen können!!! Ich denke viel über meine Rechtschreibung nach (Wird das jetzt großgeschrieben? Wie war das noch mal mit dem Komma bei nicht erweiterterten Infinitiven?). Und ich muss ehrlich gestehen, ich setze über alle Us einen Strich. Es könnten also auch Üs sein. Aber es sagt keiner mehr was. Letztens schrieb ich Industrialisierung falsch an die Tafel. Nichts.

Ich gebe der Attestierung von Rechtschreibschwäche Schuld. Das ist für mich purer Schwachsinn. Die Hälfte der Klasse hat teilweise eine RS. Das Problem ist nicht, dass sie dadurch bessere Noten bekommen, sondern das auch der Unterricht so ausgerichtet wird, dass kaum noch geschrieben wird. Das macht a) keinen Spaß und b) wird es vielleicht Elternbeschwerden hageln.

Klären Sie auf!

Laut Norbert Sommer-Stumpenhorst (2007: 85f.) sollten Sie versuchen, auf dem Elternabend Transparenz zu schaffen [1]. „Vier Themen sind hierfür wichtig:

1. Wie lernen Kinder rechtschreiben? […]

2. Rechtschreibfehler gibt es nicht. […]

3. Jedes Kind lernt anders. […]

4. Hausaufgaben sind für die Kinder und nicht für die Eltern.“

Am wichtigsten finde ich Punkt 1. Das jemand sprechen kann, bedeutet nicht, dass er oder sie die Rechtschreibung beherrscht. Dafür müssen Kinder erst ein phonologisches Bewusstsein erfahren. Veranschaulicht werden kann das mithilfe von dem -ig-Auslaut, dass als [ç] realisiert wird. Der „Könich ist traurich“ zeigt, dass das phonologische Bewusstsein da ist (wenn Sie z. B. in Norddeutschland unterrichten), aber nicht unbedigt das schriftsprachliche Bewusstsein. Kinder müssen erst lernen, dass es eine Diskrepanz zwischen Laut und Buchstaben gibt. Wenn dieses noch nicht vorhanden ist, liegt nicht zwingend eine Legasthenie vor.

Sie sind nicht alleine, Eltern sind gefragt

Lehrer(innen) übernehmen häufiger Erziehungsaufträge, die Eltern erfüllen müssten. Dieser Erziehungsauftrag umfasst – meiner Meinung nach – nicht nur das Weitergeben von Werten und Normen, sondern eben auch der Bereitstellung von Lernangeboten. Die Schlüsselwörter sind Schreiben, Sprechen und Lesen. Fordern Sie Eltern auf, mit ihren Kindern in Buchhandlungen und Bibliotheken zu gehen oder Kinder etwas vorlesen zu lassen. Niemand soll gezwungen werden, sondern es sollen Möglichkeiten bereitgestellt werden.

Mögliche Angebote sind:

  • Tagebücher schreiben,
  • Zeitungen und Zeitschriften lesen,
  • Bücher entdecken und lesen,
  • mit Online-Trainer lernen,
  • mit Übungsbüchern trainieren.

Eigene Bewertungsmaßstäbe aufstellen

Von mir aus kann die Rechtschreibung eine untergeordnete Rolle in Fächern wie Mathematik, Physik und Informatik spielen. Meinetwegen auch noch in Geschichte, Ethik, Sozialkunde … Aber doch nicht im Deutschunterricht. Liebe Deutschleher(innen), Sie lieben dieses Fach! Und nur, weil es andere nicht genauso lieben wie Sie, heißt das nicht, dass Sie sich dieser Meinung unterordnen sollen. Wenn Ihnen die Rechtsschreibung wichtig ist, dann zeigen Sie ihre Liebe: Zücken Sie den Rotstift, geben Sie Punktabzug, trainieren und üben Sie mit der Klasse.

Alles, was wir im Unterricht bereits behandelt haben, wird von mir bewertet. Ich setze bei das/dass-Fehlern in Klasse 9 den Rotstift an, aber nicht bei der Schreibung mit Bindestrich. Ich weiß, was meine Schüler(innen) können müssen und erwarte es auch (und nicht mehr) von ihnen. Meinen Schüler(inne)n haben dafür stehts die Möglichkeit, den Duden zu benutzen oder nachzufragen. In Übungsstunden haben sie die Möglichkeit, an ihrer Rechtschreibung zu arbeiten. Jede(r) hat individuelle Aufgaben. Damit das nicht zur logistischen Herausforderung wird, nutze ich Übungsbücher von Pons, Duden & Co.

Mein Lieblingsübungsbuch: Das große Übungsbuch Rechtschreibung & Zeichensetzung. Deutsch 5.-10. Klasse. Stuttgart: PONS 2014. ISBN 978-3-12-562503-7

Quelle: [1] Sommer-Stumpenhorst, Norbert: Elternratgeber: Rechtsschreibung. In: Christiani, Reinhold & Klaus Metzger (Hg.): Fundgrube Klassenführung. Berlin: Cornelsen 2007, S. 84-86.

 

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